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Am Ostersonntag bin ich mit den Kindern zu den Großeltern gefahren. 600 km über die Autobahn. Ich bin bewusst am Sonntag gefahren, weil erfahrungsgemäß an diesem Tag wenig los ist. Es war auch tatsächlich so, die Autobahn war fast leer und wir sind sehr gut durchgekommen. 600 km kaum bremsen und nur gelegentliche Spurwechsel.

Eigentlich toll, weil wir zügig unterwegs waren, ohne im Stau zu stehen. Trotzdem war mir sooo langweilig, nichts zu tun, nur beobachten, wie die weißen Streifen unter dem Auto durchsausen. Ich brauchte dann die Pausen wohl fast mehr als die Kinder, weil mir die Zeit unglaublich lang wurde.

Wenn sich die Zeit zieht wie Kaugummi

Üblicherweise ist Langeweile sicherlich keines meiner Probleme. Empfindungen wie auf der leeren Autobahn sind die Ausnahme. Es ist im Gegenteil meist eher so, dass ich viele Dinge zwar gern tun würde, aber kaum die Zeit dazu finde. Die Zeit ist mit den Jahren immer schneller geworden. Sie scheint einfach an mir vorbeizugleiten. Oft wundere ich mich, wie lang etwas schon her ist, wenn es mir vorkommt, als sei es gerade eben erst gewesen.

Ich kann mich allerdings noch an die Zeit erinnern, als ich selbst ein Kind war. Die schrecklichste Aufgabe, die ich bekommen konnte, war das Putzen von Beeren, insbesondere Johannisbeeren, für die Familie. Ich hatte immer den riesigen Berg vor Augen und deshalb das Gefühl, dass ich nie fertig werden würde. Mit jedem Arbeitsschritt landeten nur ein paar mehr Beeren in der Schüssel, während der Berg nicht merklich kleiner wurde. Heutzutage stört mich das überhaupt nicht mehr, es ist sogar eine Aufgabe, die ich gern tue, weil sie mich entspannt und erdet.

Mir würden noch viele weitere Beispiele einfallen, wie mir als Kind die Zeit lang geworden ist. Langeweile war besonders dann ein Thema, wenn ich auf etwas warten musste, wie z.B die Weihnachtsbescherung. Die Zeit konnte sich dann scheinbar dehnen wie ein Kaugummi, immer länger und länger..

Mal zäh wie Kaugummi, mal rasend schnell

Zurück zu unserer Autofahrt: Irgendwann fingen die Kinder an unruhig zu werden, es dauerte ihnen zu lang. Sie fragten, wie lang wir noch brauchen würden, fünf Minuten später gleich wieder, und weiter zehn Minuten noch einmal. Und plötzlich waren die letzen eineinhalb Stunden doch vorbei, ohne dass nochmals jemand gefragt oder ich gemerkt hätte, wie die Zeit vergangen ist.

Wir können eine Minute auf der Uhr messen und sie dauert immer genau gleich lang. Manche Menschen haben sogar ein sehr gutes Empfinden für die Dauer und können auch ohne Uhr recht exakt bestimmen, wann eine Minute vergangen ist oder auch fünf. Wir haben eine innere Uhr, die uns unter Umständen sogar ohne Wecker exakt zur richtigen Zeit aufwachen lässt.

Dennoch ist die empfundene Zeit ganz und gar nicht immer gleich lang. Wie Psychologen in Studien zeigen konnten, hängt die empfundene Dauer sehr stark von der emotionalen Färbung eines Erlebnissen ab. Das können wir auch aus unserer eigenen Erfahrung gut nachvollziehen.

Fünf Minuten Warten an der Bushaltestelle in strömendem Regen und eisigem Wind kann sehr lang sein, auf alle Fälle fühlt es sich deutlich länger an als nur ein paar Minuten. Während zwei oder drei Stunden in netter Gesellschaft in einer Kneipe verbracht, üblicherweise wie im Fluge vergehen.

Interessanterweise ist es in unserer Erinnerung dann genau anders herum. An positive, spannende Erlebnisse können wir uns meist viel ausführlicher und lebendiger erinnern, als an negative oder gar schmerzhafte Erlebnisse, die nur wenig Raum in unserer Erinnerung einnehmen

Werde zur Zeitschöpferin

Natürlich ist klar, dass jedes Jahr 365 Tage (bzw. 366 Tage im Schaltjahr) hat und jeder einzelne Tag 24 Stunden. Daran hat sich im Verlaufe meines Lebens nicht das geringste geändert. Tatsächlich ist es sogar so, dass ich als Kind länger und mehr geschlafen habe, so dass ich jeden Tag sogar weniger wache Stunden verlebt habe.

Nach all dem, was ich gerade beschrieben habe, sollte allerdings klar geworden sein, dass wir großen Einfluss auf die empfundene Zeit nehmen können. Tatsächlich bin ich überzeugt, dass unser Gefühl von immer schneller vergehender Zeit, hauptsächlich auf die Austauschbarkeit und Belanglosigkeit unsere Tage zurückzuführen sind. Wir erleben meistens nichts, dass irgendwie Raum in unserer Erinnerung einnimmt. Unsere Tage sind vielfach gefüllt von unwichtigen und sinnentleerten Tätigkeiten, so dass sie im Nachhinein oft nicht von einander zu unterscheiden sind. Teilweise ist es schon so, dass man am Abend nicht einmal mehr weiß, was man tagsüber gemacht hat.

Hier ist genau der Ansatzpunkt. Wenn du mehr Zeit haben möchtest, wenn dir alles über den Kopf wächst und du ständig unter Strom stehst, dann werde zur Zeitschöpferin. Entschleunige und vereinfache dein Leben. Mach dir klar, welche Bedürfnisse du hast und was du wirklich von deinem Leben willst. Überlege dir, was dir wichtig ist und lasse andere Dinge einfach weg. Verabschiede deinen Perfektionismus, es muss nicht immer alles 110% sein. Erlaube dir mehr Achtsamkeit und bewusstes Erleben.

Wenn du denkst, das passt für dein Leben nicht, das geht bei dir so nicht oder du unterliegst zu vielen Sachzwängen, dann frag dich, wie du es anpassen kannst, was du tun kannst, welche Möglichkeiten für dich gehen.

Wenn du meinst, du schaffst das nicht, überlege dir, wie du es schaffen kannst, welchen kleinen Schritt in die Richtung du gehen kannst.

Erschaffe dir dein eigenes Leben. Wenn ich das kann, kannst du das auch!