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Loslassen – das ist ein Thema, das mich anscheinend schon lang begleitet. Immer wieder, in verschiedenen Bereichen begegne ich diesem Thema. Erst kürzlich bin ich zweimal innerhalb weniger Tage über das Thema Loslassen gestolpert.

Die entfesselten Hände

Zu dem heutigen Artikel inspiriert hat mich ein Bekannter, der ein Bild von zwei gebundenen Händen, die die Kette der Handschellen zerreißen, gepostet hat. Es war seine Reaktion auf einige Streitigkeiten und Reibereien im (Online-) Team. Ausdrücken wollte er damit nichts anderes, als dass er bereit ist die betroffenen Personen ziehen zu lassen, wenn sie das wünschen. Er hat das ergänzend sehr schön im Text erläutert. Es war klar, dass es ihm nicht leicht fiel, aber es war ehrlich und authentisch.

Das zweite Mal innerhalb einer Woche, wurde ich in der Supervision meiner Coachingsession mit dem Loslassen konfrontiert. Meine Ausbilderin wies mich darauf hin, dass ich die Klienten ruhig mehr in die Entscheidung über die Methodik mit einbinden sollte. In dem Maße, wie ich die Verantwortung für ihren Prozess an die Klientin abgebe, könnte sie diese übernehmen. Auf Neu-deutsch nennt man das auch „Empowerment“.

In beiden Fällen ging es um professionelle oder zumindest semi-professionelle Beziehungen. Es ging um Verantwortung und Vertrauen. Ich kann nur loslassen, wenn ich dem anderen vertraue, dass er die richtige Entscheidung treffen kann. Und dabei muss „richtig“ bedeuten, die für den Betroffenen richtige Entscheidung, nicht die in meinen Augen richtige Entscheidung. Wenn ich Verantwortung abgebe, können Dinge geschehen, die ich so nicht wollte. Damit muss ich umgehen können. Mir muss bewusst sein, dass mein Gegenüber eigene Überlegungen und Motive einfließen lässt und diese muss ich akzeptieren können.

Loslassen als lösen lassen

Eine noch weitaus größere Bedeutung erhält das Loslassen in persönlichen Beziehungen, vor allen in der Eltern-Kind-Beziehung.

Wir haben uns alle irgendwann mehr oder weniger von unseren Eltern gelöst und diese somit gezwungen uns loszulassen. Dieses Loslassen der Kinder beginnt nicht erst mit der Pubertät oder dem Auszug aus dem Elternhaus. Schon lange vorher beginnen Kinder Grenzen auszutesten und sich körperliche und emotional immer wieder von den Eltern zu entfernen.

Seit ich selbst Kinder habe, weiß ich, dass es eigentlich nur die ersten Wochen sind, in den Kinder am liebsten durchweg engen Körperkontakt haben wollen und Autonomie noch keinerlei Bedeutung hat. Sehr schnell stellen sie fest, dass sie Macht haben und durch ihr Verhalten etwas bewirken können. Schon als Babys zeigten mir meine Kinder immer mal wieder, dass gerade keine Lust hatten, angefasst zu werden oder mich anzusehen. Sobald sie sich bewegen konnten, strebten sie von mir weg auf Erkundungstour.

Am Anfang sind es im Allgemeinen nur kleine, kurze Phasen der Trennung und das Kind kommt schnell wieder zurück. Oft weinen sie noch bei Abschieden von Vater oder Mutter. In dem Maße wie ein Kind älter wird, legt sich das und irgendwann sind es die Eltern, die gern mehr Verbindlichkeit und Nähe hätten.

Wenn alles gut geht, ist ein solcher Lösungsprozess von den Eltern auch ein Reifeprozess. Die Kinder erwerben Fähigkeiten, lernen sich selbst zu behaupten, eigenverantwortlich zu sein, und ihr Leben in die Hand zu nehmen. Und die Eltern? Die lernen ihren Kindern zu vertrauen, nicht alles kontrollieren zu können und zu wollen und sich wieder mehr auf sich selbst zu besinnen

Von Hubschraubern und Raben

So völlig problemlos läuft dieser Prozess allerdings oft nicht ab. Nicht ganz umsonst hat sich der Begriff „Helikopter-Eltern“ in letzter Zeit merklich verbreitet. Dieser Begriff bezeichnet Eltern, die über ihren Kindern kreisen ohne sie aus den Augen zu lassen. Eltern, die ihren Kindern im Sandkasten nicht von der Pelle rücken, auch ihre größeren Kinder auf allen Wegen begleiten und weit über die erste Klasse hinaus jeden Tag in die Schule bringen. Für diese Eltern hat das Beschützen ihrer Kinder oberste Priorität, für Selbständigkeit, Eigenverantwortung und Abnabelung bleibt nur wenig Raum.

Insbesondere von diesen Eltern, werden andere Eltern, die den Kindern mehr Raum lassen, auch mal Abstand halten und nicht zu jeder Zeit wissen, was die Kinder gerade wo mit wem tun, oftmals als“Rabeneltern“ bzw. vor allem die Mütter als „Rabenmütter“ bezeichnet. Der größere Freiraum wird hierbei als emotionale Distanz, Desinteresse oder gar Lieblosigkeit interpretiert. Auch wenn das vielen Eltern gar nicht bewusst ist, so ist der Begriff der Rabenmutter tatsächlich ein sehr treffender, den Rabeneltern sind sehr fürsorgliche Eltern. Rabenkinder sind Nesthocker und werden von ihren Eltern versorgt. Die Jungen verlassen das Nest aus eigenem Antrieb bevor sie richtig fliegen können. Auch jetzt werden sie von den Elternvögeln weiter versorgt, allerdings außerhalb des Nestes. Recht bald lernen sie dann fliegen und könne sich selbst durchbringen. Wer weiß wann dieser Zeitpunkt eintreten würde, wenn die Eltern das Kleine im Nest behalten würden, bis sie selbst sicher sind, dass es gegen alle Gefahren gewappnet ist.

Loslassen befreit

Hier komme ich tatsächlich zum Kern der Sache: Loslassen der Eltern ist Wertschätzung den Kindern, aber auch ich selbst gegenüber. Natürlich brauchen Kinder Nähe, Zuneigung und Unterstützung. Zu selbstbewussten, eigenständigen Menschen werden sie aber nur, wenn sie auch die Möglichkeit bekommen, sich selbst zu behaupten, Fehler zu machen und ihren eigenen Weg zu finden. Auch Eltern wachsen am Loslassen. Während vor allem die Mutter am Anfang oft sehr stark auf die Rolle des „Muttertieres“ reduziert ist, schafft sie sich im Verlauf der Zeit durch das Loslassen wieder mehr Raum, sich auch als Frau, als Partnerin, als Chefin, also Kollegin, als Tochter oder als Schwester wahrzunehmen und diese Rollen auszufüllen und weiter zu gestalten. Es entsteht also der Raum für die persönliche Weiterentwicklung.

In anderen Bereichen ist das ganz ähnlich: Belastende Beziehungen blockieren unsere Entwicklung, genauso wie ein Job der uns unglücklich macht oder eine schwierige Wohnsituation. Loslassen eröffnet auch hier neue Wege und neue Perspektiven. Oft ist es nicht möglich, die Situation sofort radikal zu verändern. Dennoch ist es ein sehr zielführender erster Schritt, wenn wir uns erlauben den Gedanken an eine Lösung zuzulassen. Wenn wir anhaften und klammern verbauen wir uns selbst die Möglichkeit für eine Veränderung.

Wenn es in deinem Leben gerade etwas gibt, das du loslassen möchtest, helfen dir die folgenden Fragen vielleicht weiter:

Was ist es, das dich gerade besonders belastet?

Wieso hältst du an der belastenden Situation fest?

Welche Ängste kommen in dir auf, wenn du ans Loslassen denkst?

Welche Hoffnungen verbindest du mit dem Loslassen?

Wie kannst du dich gefühlsmäßig lösen?

Was müsstes du im Außen verändern, um die Belastung loszulassen?

Welchen ersten Schritt kannst du machen, um neuen, positiven Inhalten Raum in deinem Leben zu geben?

Wann setzt du den ersten Schritt um?

 

Ich hoffe du konntest ein paar Inspirationen mitnehmen.

Lass mich doch gern wissen, was sich für die bewegt hat.