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Wenn wir von Vereinbarkeit sprechen, schwingt immer eine Aufforderung an die Politik mit. So sollen natürlich mehr Kitaplätze geschaffen werden, vor allem auch für unter 3jährige, die Ganztagsbetreuung in der Schule muss ausgebaut werden und Teilzeit-Arbeitszeitmodelle müssen flächendeckend unkompliziert ermöglicht werden. Am besten nehmen wir uns hierfür die Franzosen zum Vorbild, dann ist das alles kein Problem mehr.

Vereinbarkeit ist ein politisches Thema

Ich mag das Thema nicht, womit ich nicht sagen möchte, dass wir keine Kitaplätze brauchen und die Mütter nach traditionellem Versorgermodell zuhause bleiben sollen. Nein, ich halte große Stücke auf eine Chancengleichheit und die Emanzipation der Frau. Für mich war auch selbst immer klar, dass ich mich nicht auf die Rolle als Hausfrau und Mutter reduzieren lassen wollte. Nur finde ich, dass die Forderung nach sogenannter Vereinbarkeit viel zu kurz greift.

Was soll denn Vereinbarkeit bedeuten? Dass ich Kinder haben kann und einem befriedigenden Beruf nachgehen? Dass mein Mann und ich beide den Kapitalismus unterstützen dürfen und trotzdem Kinder in die Welt setzen? Dass die ganze Familie erst am Abend gestresst zusammenkommt und tagsüber jedes Mitglied „sein Ding“ machen kann?

Selbstverständlich kann ich Job und Familie vereinbaren. Ich habe für alle drei Kinder Kitaplätze, weiss genau, wann die Kita geöffnet hat, ich habe einen Job und da ich freiberuflich im Homeoffice tätig bin, kann ich im Krankheitsfall auch mal ein Kind zuhause lassen. Vereinbarkeit gelöst! Hört sich zynisch an? Finde ich auch!

Plötzlich fehlte der tiefere Sinn

Also, nochmal einen Schritt zurück und freundlicher: Ich bin in einem sehr traditionellen Familienmodell aufgewachsen. Mein Vater hatte einen guten Job und war den ganzen Tag in der Arbeit, meine Mutter war als Hausfrau immer da und hat sich ganz überwiegend um uns Kinder, den ganzen Haushalt und alles drumherum gekümmert. Wir Kinder waren bis Mittags im Kindergarten bzw. in der Schule und danach zuhause, wenn wir uns nicht mit Freunden getroffen haben. Wir waren frei, wild, umsorgt und glücklich. Als ich älter wurde, ging mir so langsam auf, dass das auf meine Mutter nicht unbedingt zutraf. Dankte ihr ja schließlich keiner, was sie tat.

Bei meinem ersten Kind war es selbstverständlich für mich, dass ich nach einem knappen Jahr Elternzeit wieder in meinen Job zurückkehrte, schließlich bin ich hochqualifiziert und hatte einen guten Job. Eine sympathische Tagesmutter war schnell gefunden und mein Arbeitgeber hatte keinerlei Einwände, dass ich meine Arbeitszeit reduzierte und einen Heimarbeitstag einlegte. Mein Kind ging von Anfang an gern zur Tagesmutter und ich bekam im Job sehr schnell wieder verantwortungsvolle, interessante Aufgaben übertragen. Soweit, so gut, es lief eigentlich alles genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte, trotzdem stimmte es für mich irgendwie nicht. Ich brauchte lang, um mir meine diffuse Unzufriedenheit erstmal einzugestehen und noch länger um zuerkennen, woran es lag.

Obwohl ich es nicht wahr haben wollte, bin ich in meinem alten Job nie mehr richtig angekommen. Es waren viele Kleinigkeiten, die im Zusammenspiel dazu führten, dass mich der Job nicht mehr erfüllte und mir der tiefere Sinn dahinter völlig abging. Ich machte meine Arbeit, richtig zufrieden war ich dabei nicht und wirklich gut habe ich es auch nicht gemacht. Knapp eineinhalb Jahre später konnte ich wieder in Mutterschutz gehen. Dieses Mal bin ich nach der Elternzeit nicht wieder zurückgegangen und es fühlte sich sehr befreiend an. Ich habe mich fortgebildet und Pläne für meine Selbständigkeit geschmiedet, ein Schritt, den ich dann tatsächlich erst nach dem dritten Kind richtig gewagt habe.

Kein Platz für Kinder

Was war passiert? Hatte ich mich so verändert? Vor dem ersten Kind was ich zielstrebig auf dem Karriereweg nach oben. Ich machte meine Arbeit in 50 bis 60 Wochenstunden, betrieb selbstmotiviert mein berufliches Vorankommen, ging regelmäßig ins Fitnessstudio, ging ins Kino und in Kneipen und traf mich mit Freunden. Nein, ich glaube nicht, dass ich es bin, die sich so verändert hat. Ich habe an allen genannten Tätigkeiten auch jetzt nichts auszusetzen, nur haben Sie für mich keine Priorität mehr, ich habe wenig Zeit dafür. Meine Kinder geben mir einen tieferen Sinn im Leben, als Karriere oder ein schönes Hobby. Ich möchte die Entwicklung meiner Kinder bewusst miterleben, als Beteiligte, nicht nur als Zuschauer. Das bedeutet für mich nicht, dass ich 24/7 mit meinen Kindern zusammen sein muss, auf keinen Fall. Ich brauche meine Freiräume und die Kinder ab eineinhalb oder zwei auch.

Was ich schon möchte, ist eine enges Vertrauensverhältnis zu meinen Kinder haben und genug Kapazitäten, um für sie da zu sein, wenn sie mich brauchen. Für mich bedeutet das, mein Leben zu vereinfachen, zu entschleunigen und ganz allgemein achtsam zu sein. Für mich sind all diese Rollen, die ich ausfülle, Teil meines Wesens. Also: ich bin Mutter, ich bin Ehefrau, ich bin Tochter, ich bin Freundin, ich bin Geschäftspartnerin usw. Für mich bedeutet das, dass ich eben immer Mutter bin und nicht nur mit den Kindern in diese Rolle schlüpfe oder mir diesen Hut aufsetze.

Und plötzlich fühlte ich mich in meinem Umfeld, in meinem eigenen Leben nicht mehr zuhause, nicht verstanden, irgendwie war ich außen vor. Ich bekam das Gefühl, dass Familien und Kinder in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Keinen Platz haben in der Mitte der Gesellschaft, nur auf Spielplätzen, in Kitas, Schulen und in speziellen Kindereinrichtungen. Mit der Zeit ist mir auch immer klarer geworden, warum in diesem Land so wenig Kinder geboren werden. Es ist einfach viel zu kompliziert und man kann es eigentlich nicht richtig machen.

Genau hier sollte die Diskussion deshalb ansetzen. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der Kinder dazugehören als wichtiger und gleichzeitig normaler Teil und nicht zu Konsumenten und zukünftigen Arbeitnehmern degradiert werden. Eine kinderfreundliche Gesellschaft, in der niemand seine Kinder verschweigt, wenn er einen Job haben möchte, in der große Wohnungen gern an Familien vermietet werden, in der Eltern kein schlechtes Gewissen haben, weil sie entweder zu viel oder zu wenig arbeiten, in der alle Generationen respektvoll zusammenleben können, in der Kindergeschrei nicht als Lärmbelästigung empfunden wird. Eine Gesellschaft, in der Kinder nicht funktionieren müssen, sondern leben dürfen.

Gesellschaft, Familie und das Gleichgewicht

Für mich war es fast ein Schock, festzustellen, wie wenig Familien in Deutschland willkommen sind. Hier liegt für mich die Wurzel des Konflikts, den viele Eltern mit sich austragen. Die Anforderungen an Eltern sind vielfältig und oft widersprüchlich. Ein sinnvolles Rollenmodell ist nicht vorhanden. Der ganz überwiegende Teil der Eltern möchte möglichst alles richtig machen, den Kindern (oder oft dem einen Kind) ein abgesichertes Leben ermöglichen, sich selbst verwirklichen und dem Ideal moderner Eltern entsprechen. So passiert es schnell, dass wir versuchen uns zu zerreißen, dennoch nie gut genug sind und deshalb immer ein schlechtes Gewissen haben.

Für mich geht es darum, das eigene, persönliche Gleichgewicht zu finden. Nicht Work-Life-Balance sondern Work-Family-Balance. Es geht hier um Achtsamkeit und um Ressourcenorientiertes Verhalten. Und auch darum, keinen Raubbau an der eigenen Gesundheit zu betrieben, also nicht den eigenen Schlaf oder die Bewegung zu streichen. Für Eltern ist es ganz besonders wichtig belastbar zu sein und zu bleiben. Auf lange Sicht kann das nur funktionieren, wenn man gut auf sich selbst achtet, lernt „nein“ zu sagen und die eigenen Grenzen zu achten. Jeder kann nur für sich selbst die Ansprüche so ansetzen, dass sie erfüllbar bleiben. Das bedeutet, sich die eigenen Wünsche, Ziele und Prioritäten bewusst zu machen und danach zu handeln.

Natürlich ist es nicht einfach, die eigenen Lebensbalancen immer gut im Gleichgewicht zu halten. Eine gute „Vereinbarkeit“ im Sinne ausreichend vorhandener Infrastruktur hilft natürlich. Für mich ist es zudem immens wichtig, immer wieder zu mir selbst zu kommen, mit mir selbst in Kontakt zu treten. Das hilft mir, mich von äußeren Erwartungshaltungen zu lösen und klarer zu sehen, was mir selbst wirklich wichtig ist. Und es hilft mir mich immer wieder zu entspannen, Kraft zu tanken und mich den täglichen Anforderungen gewachsen zu sehen.

Mit ein bisschen Glück schaffen wir es so sogar den nachfolgenden Elterngenerationen wieder eine Rollenmodell vorzugeben.

 

Dieser Text ist entstanden als Beitrag zur Blogparade von grossekoepfe, die unter  #worklifefamily und #scoyo verfolgt werden kann.

 

Vielen Dank an die Initiatoren für den Anreiz sich über dieses Thema noch mal neu Gedanken zu machen.